Endgegner Hormone

Du bist nicht du, wenn du schwanger warst – Endgegner Hormone

Gastbeitrag von Konstantin aka @richtigschwanger

Wenn aus der einst starken, gefestigten und erwachsenen jungen Frau binnen weniger Wochen ein aufbrausendes, verzweifeltes und nervliches Wrack wird, dann werden oft die Hormone als Übeltäter an den Pranger gestellt. Ist da wirklich etwas dran? Können Hormone unsere Stimmung und unseren Körper derart beeinflussen?

Der weibliche Körper wird sekündlich durchströmt von kleinsten Botenstoffe. Wie bei einem gutem Cocktail kommt es hier auch sehr auf die Zusammensetzung an. Barkeeper gibt es viele: Gehirn, Eierstöcke, Nebenniere, Schilddrüse, Fettgewebe … alle steuern ihren Teil dazu bei. Eine Prise Östrogen, ein Hauch Progesteron, abgeschmeckt mit einer Messerspitze Gestagenen. Ein Uhrwerk der Beständigkeit. Monat für Monat …

Moment mal. Es gibt jemand Neues im funktionierenden und steten Alltag.

Bevor das Leben von Mama und Papa komplett durcheinander geworfen wird, ist erstmal das Leben der Hormone auf den Kopf gestellt.

Alles ist plötzlich anders. Barkeeper Gehirn wird maßlos und schenkt aus was das Zeug hält, die Eierstöcke glühen und lassen auch mal fünf gerade sein. Innerhalb weniger Tage braut im weiblichen Körper ein riesiger Schwangeren-Hormoncocktail, der mit wachsender Schwangerschaft immer größer und reichhaltiger wird.

Welchen Einfluss Hormone auf den Körper haben können, kennen wir alle. Schonmal Schweißflecken unter den Armen gehabt vor dem ersten Bewerbungsgespräch? Schonmal feuchte Hände in einer Prüfung gehabt? Durchfall? Herzklopfen? Herpes? Wie sieht es nach einer Achterbahnfahrt aus? Da bist du ziemlich aufgedreht gewesen, oder? All diese Veränderung im Körper werden verursacht durch sage und schreibe ein einziges Hormon: Adrenalin. Damit ist die Eingangsfrage beantwortet:

Ja. Hormone beeinflussen unseren gesamten Körper.

Psychisch und physisch. Bereits ein einziges Hormon vermag es, das gesamte System zu beeinflussen.

Jetzt stellen wir uns einfach mal folgendes vor: Ein Körper ist fast 30 Jahre lang eine bestimmte Zusammensetzung an Hormonen gewöhnt. Und auf einmal öffnet ein kleines, neues heranwachsendes Leben alle Schleusen. Aus der Prise wird ein Esslöffel, aus dem Hauch eine gute Hand voll und die Messerspitze wird zur Schaufel. Und als würde das nicht reichen, wächst in dem schwangeren Körper sogar ein ganz eigenes Organ ran. Dieses Organ nennt sich Plazenta und eine der Hauptaufgaben ist … na klar, die Hormonproduktion. Eine körpereigene Raffinerie für Hormone. Und sowas kostet natürlich Energie. Fast 500 ml mütterliches Blut laufen pro Minute durch diese Raffinierie. Das macht müde. Müde, erschöpft, eingeschränkt UND: rund. Das ist dann wohl die andere Seite der schillernd glänzenden Medaille. Dieser Cocktail macht aber auch glücklich, genügsam und euphorisch.

Schwangere Frauen haben meist eine rosige, glatte Haut, strotzen vor Selbstbewusstsein und haben tolle Kurven.

40 Wochen lang gewöhnt sich der Körper an diesen Zustand. Findet sich ab, stellt sich darauf ein. Der Bauch wächst und wächst, die Hormone strömen und arbeiten UND: innerhalb weniger Augenblicke ist alles anders. Mal wieder. Alles auf Null. Kalter Entzug. Die Hormonraffinerie ist Vergangenheit, Eierstöcke und Gehirn genauso verwirrt wie der Rest des Körpers. Neue Hormone melden sich selbstbewusst und voller Tatendrang zum Dienst. Prolaktin und Oxytocin kurbeln jetzt nochmal richtig die Milchproduktion an. Die Glückshormone Endorphin, Dopamin und Adrenalin gewinnen anfangs die Oberhand, mixen ihre Cocktails im Akkord, bekommen schließlich einen Burn-out und treten etwas kürzer. Melatonin, das Schlafhormon, meldet Vernachlässigung an und verdüstert nicht nur die Augenringe, sondern auch die Stimmung. Zu den körperlichen Veränderungen, die diese hormonelle Veränderung mit sich bringt, kommen auch psychische Veränderung. Zum einen bedingt durch die Hormone selbst, aber natürlich auch bedingt durch die neuen Lebensumstände.

Mütter sehen sich einer ganz neuen, einer wichtigen Aufgabe gegenüber.

Verantwortung für ein neues Leben. Verantwortung gegenüber sich selbst. Verantwortung gegenüber dem Partner.

Wenn also aus der einst gefestigten und starken Frau ein aufbrausendes, verzweifeltes Wrack geworden ist, dann aus gutem Grund und mit vollem Recht. Die hormonelle Umstellung ist enorm. Nur weil wir Dinge nicht sehen können, haben sie trotzdem Einfluss auf uns.

Den Frauen möchte man mit auf den Weg geben, weinen zu dürfen. Schreien zu können. Sich vergraben zu dürfen, aber irgendwie stark zu bleiben.

Männern bleibt das Verständnis, die Rücksicht, die Unterstützung, aber auch mal das eine oder andere sich und seine jeweiligen Empfindungen erklärende Gespräch.

Machen wir uns nichts vor. Hormone können nerven. Die Nerven können strapaziert sein. Die Strapaze kann zur Last werden, aber einig sind wir uns doch alle: Diese Last schultern wir gerne, gemeinsam und vor allem füreinander …


Der Autor Konstantin ist Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auf Youtube bzw. seinem Instagram-Kanal informiert er in fachlich wertvoller, aber immer auch gern humoristischer Weise zu den vielfältigen Fragen und vor allem Antworten, die sein Beruf so mit sich bringt. Schaut in jedem Falle mal vorbei, glaubt mir, es lohnt sich!

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