Fieberkrampf: erschreckend, aber meist „harmlos“

Wir sind zwar doppelt Pseudokrupp-gestraft, hatten jedoch glücklicherweise noch nie mit einem Fieberkrampf zu tun. Auch aus diesem Grund überlasse ich diesen Beitrag heute mal besser einer Frau vom Fach – der Kinderherztin.

Snježi ist Kinderärztin aus Leidenschaft und Managerin eines Haushaltes mit vier Fußball-verrückten Männern (Ehemann, zwei Jungs und ein Labrador). Ihr Herz schlägt für die Belange von kleinen Menschen, egal ob es ihre eigenen Kinder sind, oder die, die sie beruflich betreut. Ihr Blog geht hierbei jedoch über das Medizinische hinaus. Vielmehr gibt es dort auch beispielsweise Berichte über tolle Reiseziele in der Ferne und an der Ostsee, Rezepte für ein schnelles, leckeres und gesundes Mittagessen, Basteltipps oder Dekoideen für den anstehenden Kindergeburtstag …

Glück und Leid des Eltern-Seins

Ein Kind zu haben, es in seinem Leben begleiten zu dürfen und aufwachsen zu sehen, ist ein großes Glück. Es gibt unendlich viele Situationen, in denen man als Elternteil von puren, hoch-konzentrierten Glückshormonen durchflutet wird.

Daneben gibt es aber auch Situationen, in denen einem pures, hoch-konzentriertes Adrenalin durch die Adern schießt, der Atem stockt und das Herz gefühlt stehen bleibt.

Ein solches Ereignis ist das erstmalige Auftreten eines Fieberkrampfes beim eigenen Kind. Und damit diejenigen unter euch, die irgendwann einmal in eine solche Situation geraten könnten, ein bisschen vorgewarnt sind, möchte ich euch im Folgenden etwas über das Thema „Fieberkrampf beim Kind“ berichten.

Fieberkrampf beim Kind

Fieber und Infekte gehören vor allem in den ersten Lebensjahren eines Kindes mit zu den häufigsten Symptomen und Erkrankungen überhaupt. Warum das so ist, könnt ihr auf meinem Blog unter der Rubrik „Sprechstunde/Medizinisches“ nachlesen.

Zusammengefasst nur so viel: für den Aufbau eines gesunden Immunsystems ist die Auseinandersetzung des kindlichen Körpers mit verschiedenen Erregern extrem wichtig und fast unumgänglich. Nervenaufreibend ist dieser Vorgang leider auch, aber es führt fast kein Weg an dieser Tatsache vorbei.

Kleiner „Trost“ vorweg: spätestens im Schulkindalter haben sich viele dieser Dinge „ausgewachsen“ (welch ein Glück).

Natürlich werden auch Schulkinder (und ja sogar auch Erwachsene) hin und wieder krank und nehmen in der winterlichen Infektzeit die eine oder andere Erkältung mit. In der Regel bekommt ihr Immunsystem jedoch die Symptome recht gut und schnell wieder in den Griff. Einzige Ausnahme bildet vielleicht der berüchtigte „Männerschnupfen“, aber dieses Thema würde den Rahmen meines Gastbeitrages sprengen und beim Chef dieses Blogs womöglich schon zu einer verschnupften Nase führen 😉

Also kommen wir zum Wesentlichen:

Fieber beim Kind: warum so oft, so schnell, so hoch?

Dass Kinder oft fiebern, liegt daran, dass ihr Immunsystem noch unausgereift ist und erst lernen muss, mit den verschiedenen Krankheits-Erregern vernünftig umzugehen. Daher führen viele Erst-Kontakte mit Erregern, die der kindliche Körper vorher noch nicht kennengelernt hat, zu einem Infekt. Und um den Erregern ordentlich „einzuheizen“, sie an der Vermehrung zu hindern und sie somit unschädlich zu machen, verfügt der Körper über eine kleine Wunderwaffe, nämlich das Fieber. Fieber an sich ist also per se nichts Schädliches, dient es doch dazu, die Erreger zu bekämpfen. So weit, so gut.

Bild: © pixabay.com

Eine noch unausgereifte „Messmethode“

Nun ist es jedoch so, dass auch das Regulations-System für die Körpertemperatur bei Kindern noch nicht ganz ausgereift ist. Es kann schnell durcheinander geraten und z.B. schon bei starkem Durst oder einer zu warmen Decke zu einer messbaren Erhöhung der Körpertemperatur führen. Gelegentlich kann es auch überschießend bzw. unangemessen reagieren.

Dieses System muss also, ähnlich wie das Immunsystem auch, mit den Jahren dazu lernen und die Messmethode des Körpers verfeinern. Daneben gibt es (wie auch bei Erwachsenen) individuelle Unterschiede: das eine Kind fiebert schon bei einem „banalen“ Infekt schnell und hoch, während ein anderes selbst bei einer schweren Infektion nur leicht erhöhte Temperatur hat.

Es gibt also viele Dinge, die auf das Messsystem der Körpertemperatur Einfluss nehmen können.

Bei einem Fieberkrampf gerät die „Schaltzentrale“ durcheinander

Die Schaltzentrale, die für die Einhaltung einer normalen Körpertemperatur zuständig ist, liegt in einem besonderen Hirnareal, dem sog. Hypothalamus. Der Sollwert, also die anzustrebende Normaltemperatur, wird dabei durch die Ausschüttung und das Zusammenspiel bestimmter Botenstoffe vermittelt. Bei einer Infektion wird dieser Sollwert „verstellt“ und der Körper empfindet die normale Temperatur von 37°C als zu kalt. Er reagiert mit Schüttelfrost und erhöht die Temperatur, um Abwehrvorgänge etc. zu beschleunigen und zu mobilisieren.

Bei Kindern ist diese Schaltzentrale sehr empfindlich und kann z.B. durch Virusinfekte irritiert werden.

Definition Fieberkrampf:

Ein Fieberkrampft ist ein Krampfanfall, der definitionsgemäß bei Kindern und in Verbindung mit Fieber auftritt. Das ist allerdings nur die verkürzte Variante. Zur Definition gehören noch weitere Kriterien, die für diesen Beitrag jedoch irrelevant sind.

Wichtig ist jedoch:

  • Für das Auftreten eines Fieberkrampfes ist primär nicht die Höhe des Fiebers entscheidend ist, sondern die Geschwindigkeit des Fieberanstiegs!
  • Je schneller die Temperatur steigt, umso eher tritt ein potenzieller Fieberkrampf auf.
  • Viele Fieberkrämpfe treten somit schon bei einer – für Kinder – noch relativ niedrigen Temperatur (38-er Zone) auf.
  • Manchmal steigt die Temperatur auch so schnell an, dass man erst durch den Fieberkrampf feststellt, dass das Kind überhaupt Fieber hat.

Vorhersehen könnt ihr einen Fieberkrampf somit in der Regel nicht. Daher sind (Selbst-)Vorwürfe nach einem Fieberkrampf definitiv auch unnötig bzw. unangebracht.

Für die weitere Einschätzung und Prognose ist die Unterscheidung zwischen einfachem und kompliziertem Fieberkrampf wichtig:

  • Die häufigste Form ist der einfache/unkomplizierte Fieberkrampf. Er hört in der Regel von alleine wieder auf und bedarf meist keiner weiteren Medikamente.
  • Beim komplizierten Fieberkrampf dauert der Anfall länger als 15 Minuten und es kommen noch weitere Auffälligkeiten hinzu. Dabei spielt u.a. auch das Alter des Kindes eine Rolle, aber darüber wird euch im Bedarfsfall euer Kinderarzt weiter aufklären.

Häufigkeit Fieberkrampf:

Fieberkrämpfe treten mit einer Häufigkeit von 3-5 % auf, das heißt: 3-5 von 100 Kindern erleiden in den ersten Lebensjahren einen Fieberkrampf. Typischerweise sind Kinder im Alter von 6 Monaten bis zu 5 Jahren betroffen. Im Alter von 1-3 Jahren treten Fieberkrämpfe besonders häufig auf.

Ursache Fieberkrampf:

Der genaue Grund, warum einige Kinder einen Fieberkrampf bekommen und andere nicht, ist noch unklar. Die häufigsten Ursachen sind:

  • am häufigsten: Virus-Infekte! Z. B. beim sog. Drei-Tage-Fieber
  • kann auch im Rahmen einer Impfreaktion, die mit Fieber einhergeht, z. B. nach Masern-/Keuchhusten-Impfung auftreten
  • familiäre Häufung

In manchen Familien treten Fieberkrämpfe gehäuft auf, das heißt, dass eine gewisse Veranlagung dazu wohl auch vererbt werden kann.

Allerdings heißt es nicht, dass wenn eines der Eltern als Kind einen Fieberkrampf hatte, das Kind es auch bekommt. Sich in einem solchen Fall über Fieberkrämpfe zu informieren, schadet jedoch sicher nicht.

Bild: © pixabay.com

Symptome Fieberkrampf:

  • Fieber
  • plötzlicher Bewusstseinsverlust
  • ggf. sehr flache/fehlende Atmung mit Blaufärbung der Lippen

weiterhin Auffälligkeiten im Bereich der Muskulatur:

  • meist rhythmische Muskelzuckungen (v. a. der Arme und Beine)
  • gelegentlich auch allgemeine Muskelverspannung oder auch
  • komplette Erschlaffung der Muskeln
  • schmatzende oder gurgelnde Laute
  • oft begleitend: Verdrehen der Augen
  • nach dem Krampfanfall oft: Müdigkeit/Tiefschlaf

Meist hört der Krampfanfall innerhalb weniger Minuten (die natürlich endlos erscheinen!) von alleine wieder auf! Selbst ein (i. d. R. kurzfristiger) Atemausfall wird durch den, gerade bei Kindern stark ausgeprägten, Atemreiz meist von alleine unterbrochen. Dies mitzuerleben und anzuschauen ist ohne Frage für jedes Elternteil/Familienmitglied unerträglich und geht mit einem extremen Gefühl der Sorge und Hilflosigkeit einher.

Was kann man im akuten Anfall tun?

Wirklich viel kann und muss man zunächst auch nicht tun, außer:

  • die Ruhe bewahren (auch wenn es schwer fällt!)
  • die Umgebung sichern: keine scharfen Kanten oder Gegenstände in der Nähe des Kindes
  • ggf. die Kleidung lockern
  • keine Nahrung oder Getränke einflössen
  • bei Erbrechen, das Kind seitlich lagern
  • auf die Uhr schauen: wann hat der Krampfanfall begonnen und wie lange hat er gedauert?
  • auf die Symptome achten: haben beide Arme und beide Beine rhythmisch gezuckt oder betrafen die Zuckungen nur eine Körperhälfte?
  • Notarzt rufen, v. a. wenn der Anfall länger als 10 Minuten dauert
  • nach dem Anfall: Temperatur messen, sofern möglich: stabile Seitenlage

Der Notarzt bzw. Kinderarzt wird euch danach befragen, also versucht, auf diese Dinge zu achten.

Diagnose Fieberkrampf:

Die Diagnose wird anhand der Symptome und der Krankengeschichte gestellt. In den meisten Fällen ist beim Eintreffen des evtl. hinzugezogenen Notarztes der Fieberkrampf bereits beendet. Ob nach dem Krampfanfall eine weitere Diagnostik oder auch ein stationäre Aufnahme erfolgen muss, wird der Arzt vor Ort entscheiden. In den meisten Fällen (einfacher Fieberkrampf) wird dies nicht notwendig sein.

Therapie Fieberkrampf:

Wenn euer Kind das erste Mal einen Fieberkrampf hat, solltet ihr, wie oben beschrieben, zunächst Ruhe bewahren, die Umgebung um das Kind herum sichern, auf die Uhr schauen und den Notarzt bzw. einen Kinder- und Jugendarzt informieren.

Vermutlich wird der Krampfanfall beim Eintreffen des Notarztes schon zu Ende sein. Umso wichtiger ist es, dass ihr die Symptome und die Dauer des Zustandes möglichst genau beschreiben könnt.

Medikamente sind meist nicht erforderlich.

Das weitere Vorgehen richtet sich dann nach der Einschätzung des Arztes vor Ort. Sollte der Krampfanfall nicht von alleine aufhören, wird der Arzt ein Medikament zur Unterbrechung des Krampfanfalles geben. Vermutlich werdet ihr auch ein Notfallmedikament für zu Hause mitbekommen. Alles weitere zur Therapie und den weiteren Maßnahmen wird der Kinderarzt mit euch besprechen. Wichtig ist, dass bei Auffälligkeiten andere Ursachen / Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Kann man einem Fieberkrampf vorbeugen?

Im Prinzip nicht, da man ihn in der Regel nicht vorhersehen kann.

Eine Fiebersenkung bei einem fieberhaften Infekt und vorausgegangenem Fieberkrampf ist zwar geeignet, um den Allgemeinzustand des Kindes zu verbessern; zu einer Reduktion des Wiederholungsrisikos führen fiebersenkende Maßnahmen meist nicht. Ob und welche Therapie erforderlich ist, wird euer Kinderarzt mit euch klären.

Prognose:

Die Prognose von Fieberkrämpfen ist trotz der bedrohlich erscheinenden Symptomatik insgesamt günstig. Das heißt, es sind in der Regel keine Folgeschäden zu erwarten. Allerdings kommt es bei ca. einem Drittel der Kinder zu erneuten Fieberkrämpfen.

Fazit:

Der Fieberkrampf ist als sog. Gelegenheitskrampf die häufigste Form eines Krampfanfalls im Kindesalter. Auch wenn er meist von alleine aufhört und eine sehr gute Prognose hat, wird er von den betroffenen Angehörigen als absolut lebensbedrohlich empfunden. Das Kind bewusstlos, zuckend und evtl. nicht mehr atmend zu sehen, ist ein absolutes Horror-Szenario.

Doch glücklicherweise hört das Grauen meist nach einigen Minuten von selbst wieder auf.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag ein wenig „vorwarnen“, so dass ihr im Falle eines Falles wisst, dass Ruhe zu bewahren und im Zweifel sofort einen Arzt zu verständigen, das Wichtigste ist.

Anmerkung: Diesen Beitrag habe ich natürlich mit bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Er dient jedoch ausschließlich der Information und ersetzt in keiner Weise den Arztbesuch.

Ich wünsche euch von Herzen alles Gute für euch und eure Familie und hoffe, dass ihr allesamt gut, gesund und „unverkrampft“ durch die Infektzeit kommt.

Liebe Grüße

Snjež

(= die-mit-dem-unaussprechlichen-Namen)

Für alle, die nach der anstrengenden Lektüre noch ein bisschen was zum Schmunzeln gebrauchen können, hier noch ein paar Fakten zur bereits erwähnten „Männergrippe“:

  1. Es ist wissenschaftlich unklar, warum der gleiche Virus bei Frauen lediglich zu einer leichten Erkältung und bei Männern zu einer (gefühlt) Tod bringenden Erkrankung führt.
  2. Klar ist jedoch, dass die wahren Opfer einer Männergrippe die Frauen sind.
  3. Das Einzige, was bei einer Männergrippe hilft, sind Hopfen-Smoothies und Vitamine mit viel Fruchtfleisch.
  4. Tätowierte Männer leiden nicht weniger, allerdings führt der Coolness-Faktor zu einer schnelleren Senkung des (meist nicht vorhandenen) Fiebers.

 

In diesem Sinne passt nicht nur gut auf euch und eure Kinder sondern auch auf eure Männer auf. Ohne die geht’s ja auch nicht.

 

6 Kommentare zu “Fieberkrampf: erschreckend, aber meist „harmlos“

  1. Weil ich mich informieren wolltet, bin ich auf diese Seite gestoßen. Temperaturmanagement kann vor allem bei Kindern eine unfassbar aufreibende Angelegenheit sein. Das heißt also, dass ich einen Fieberkrampf wenig vermeiden kann und auch durch die rechtzeitig Behandlung und Messung der Temperatur nicht unbedingt vorgewarnt sein muss? Liebe Grüße und danke.

    1. Liebe Ida,
      ich bin Snjezi, die Autorin dieses Gastbeitrages und möchte Dir gerne auf Deine Frage antworten.
      Was die Temperaturmessung anbelangt, hast Du vollkommen Recht: es kann eine sehr aufreibende Angelegenheit sein und selbst mit genauer und rechtzeitiger Messung kann man einen Fieberkrampf nicht voraussagen oder sicher verhindern. Denn die meisten Fieberkrämpfe treten dann auf, wenn es sehr schnell zu einem Fieberanstieg kommt. Du mißt also vielleicht bei einer Temperatur von 38,5 Grad, wiegst Dich in „Sicherheit“ und bekommst evtl gar nicht mit, dass die Temperatur in kurzer Zeit weiter ansteigt und dann womöglich doch zu einem Fieberkrampf führt. Diesen Moment bekommt man also leider nicht immer mit.
      Und dennoch sollte man bei einem fieberhaften Infekt, insbesondere dann, wenn in der Vorgeschichte bereits ein Fieberkrampf aufgetreten ist, die Temperatur messen und dieses in Absprache mit dem behandelnden Kinderarzt behandeln.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute,
      Snjezi

  2. Danke für den Post. Fand es noch mal eine gute und kompakte Zusammenfassung. Auch wir im Kiga haben oft mit fiebernden Kindern zu tun und daher waren einige Informationen sehr hilfreich.
    Besonders amüsant auch die kurze Abhandlung zum Thema Männergrippe 😊😊

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