“Ich will kein großer Bruder sein!” – Wenn aus Engeln Wutmonster werden

Diesen Blogbeitrag habe ich am 26. Oktober 2016 auf dem Blog meiner lieben Freundin Yavi veröffentlicht. Es geht darum, dass unser erstes Kind den Neuankömmling so gar nicht recht lieb haben wollte, große Eifersucht stellte sich ein, und wie sich das Ganze zum Guten gewendet hat.

 

Möglicherweise haben einige von euch ja meinen Geburtsbericht gelesen.

Und wissen demnach, wie aufreibend diese Zeiten von schwanger werden und Entbindungen waren. Und wie glücklich wir doch waren, es nun „geschafft“ zu haben.

Die ganz Erfahrenen unter euch wissen natürlich, dass das nicht die letzten aufreibenden Zeiten im Leben von Eltern gewesen sein sollten. Sondern nichts weiter als ein Anfang. Der Anfang, sich zu sorgen. Und obwohl dieses sich immerzu und um alles Sorgen zu machen doch eigentlich so überflüssig ist, wie mit einem Schirm durch das Leben zu laufen und auf Regen zu warten, kann man spätestens mit der Geburt des Nachwuchses gar nicht anders und macht sich: Sorgen.

Darum, dass sie krank werden könnten. Dass ihnen etwas Böses widerfahren könnte. Dass sie: am Essen mäkeln, kein Einser-Abi machen, kein Chirurg werden, lieber Schokolade als Obst essen, sich tätowieren lassen, nicht die Welt retten, erst mit 40 Jahren Enkel produzieren könnten.

ODER: dass sie das kleine Geschwisterchen als größte Plage ihres bisherigen Lebens wahrnehmen könnten.

Auf Letzteres möchte ich in diesem Beitrag eingehen. Weil wir eben genau das miterleben mussten.

Hach, wie haben wir uns das doch so richtig schön und herrlich romantisch-verklärt vorgestellt. Endlich braucht Sohni Nummer Eins nicht mehr nur mit seinen irgendwie doch viel zu langweiligen, oftmals gestressten und immer so blöd vernünftigen Eltern durch’s kindliche Leben wandeln. Wir bauen ihm ein Geschwisterchen.

Gut, beinahe wären es sogar drei Geschwisterchen geworden, aber letztendlich sollte es bei einem bleiben. Und dann auch noch ein Brüderchen. Perfekt. Denn immerhin haben wir noch so viele so selten getragene Sachen rumliegen – sie wachsen nunmal mindestens genauso schnell wie Bambus im tropischen Regenwald. Und wir haben einen Traktor mit Anhänger, einen Gabelstapler, einen Bollerwagen, ein Puky, einen VW Beetle zum Reinsetzen und schieben lassen, ein kleines und ein größeres Laufrad, ein Fahrrad, einen Sandkasten in Form eines Piratenschiffs, ein Mini- und ein Riesentrampolin und, und, und… Kurzum: wir haben einen Spielplatz. Indoor und Outdoor. Wir waren und sind vorbereitet; auf alles was da kommt. Und genau das kommunizierten wir auch (Schwangerschafts-)Woche für Woche unserem Erstgeborenen. Wir suggerierten ihm eine noch viel schönere Welt, als die, in der er ohnehin schon lebte. Ja, auch ER war vorbereitet. Theoretisch.

Aber, wie das Leben so spielt, ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis dummerweise in der Praxis weitaus größer als in der Theorie.

Ich denke, der Ursprung des Dramas lag bereits an den wenig erfreulichen Umständen der Geburt und dem, was direkt danach passierte. Ein ungeplanter Kaiserschnitt, gefolgt von einer Neugeboreneninfektion, führten dazu, dass sich der Krankenhausaufenthalt von Mama und Neubrüderchen erheblich verlängerte. Die erste Begegnung im Krankenhaus – ich nahm Sohnemann Nummer Eins in freudiger Erwartung des Großereignisses mit ins Krankenhaus – verlief vielversprechend. Er war vorsichtig, dann zart und liebevoll zu dem Menschlein, mit dem er perspektivisch sein Spielzeug und seine Eltern teilen sollte. Man merkte ihm ein gewisses… mhm… Misstrauen jedoch unterschwellig an. Aber gut, wir hatten null Erfahrung auf dem Gebiet der Nachwuchsproduktion 2.0 und dementsprechend gaben wir auch nicht allzu viel auf diesbezügliche Empfindungen.

Eineinhalb Wochen nach der Geburt holte ich Mama und Baby endlich nach Hause.
Endlich vertraute Umgebung. Endlich keine piependen Maschinen, keine Schläuche, keine Sorgen mehr. Dachten wir.

Nein!

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass ein Neugeborenes mehr Aufmerksamkeit erfordert, als ein dreijähriges Kind. Das kann sich schon selbst anziehen, den Tisch decken, ein IPad bedienen, “nein” zu Schlafanzug anziehen und Zähneputzen sagen. Letzteres gern auch zehnmal hintereinander.

Wir haben uns natürlich im Vorfeld belesen und so haben wir, ich finde wirklich gut, alles getan, damit der Erstgeborene sich nicht benachteiligt fühlt. Ich war mit Geburt im ersten von zwei Monaten Elternzeit und so konnten wir uns gut aufteilen. Die Mama stillte den Babymann und ich kümmerte mich um den „Großen“. Sowie er gestillt war und nicht „zwingend“ die Mama brauchte, tauschten wir die Kinder. Anfangs schlafen die Babys ja ohnehin mehr, als dass sie wach sind. Ich empfand es beinahe schon so, als hätten wir uns in dieser Zeit noch mehr mit Sohn Nummer Eins beschäftigt, als vor der Geburt.

Aber nun haben die Kids ja bekanntlicherweise extrem sensible Antennen und nehmen auch noch so kleine Veränderungen ziemlich gut wahr.

Mit dem Einzug vom Babymann war plötzlich nichts mehr zu spüren vom oben erwähnten „vorsichtig, zart und liebevoll“. Es war ganz furchtbar. Der „Große“ war hoch porös. Jeder noch so kleine Anlass bewirkte verzweifeltes Weinen. Er bekam Wutausbrüche, schrie uns teils aggressiv an. In einer Form, die wir bis dato nicht erlebt hatten. Wir kannten ihn so nicht.
Einmal fragten wir ihn:

„Hast du Mama und Papa lieb?“
„Ja!“
„Hast du Oma und Opa lieb?“
„Ja!“
„Hast Du dein Brüderchen lieb?“
„Nein!“

War DAS schlimm! Wir wollten, um uns zu beruhigen, etwas erzwingen. Aber Liebe und Zwang sind nunmal Dinge, die nicht kompatibel sind. Liebe muss wachsen, sie ist nicht einfach so „da“.

Abends lagen wir beide im Bett und hatten Herzschmerzen. Auf DAS waren wir in DER Ausprägung nicht im Entferntesten eingestellt. Wir machten uns: Sorgen. Ganz große sogar. Machten uns Vorwürfe. Zweifelten an unseren Qualitäten als Eltern. Stritten uns. Weil, na klar, auch wir hatten mittlerweile ein Nervenkostüm, das in Fetzen hing.

“Aggressivität ist oftmals nur ein Ventil”

Aggressivität ist oftmals nur ein Ventil, seiner Umwelt zu sagen: „Hey, mir geht’s nicht gut“. Ein Hilfeschrei.

Der kleine Mann brauchte unsere Hilfe. Und wir seine. Also haben wir uns weiter belesen. Aufgrund meiner obigen Schilderungen nun noch umso intensiver. Auf der Suche nach Strohhalmen, an denen wir uns aus diesem Sumpf herausziehen konnten. Und so kauften wir Bücher. Sie hatten Namen, wie: „Das kleine Wutmonster“, „Wir sind jetzt vier!“, „Wen hast Du am allerliebsten?“, „Moritz Moppelpo sagt nein!“, „Der beste große Bruder bist Du!“ oder „Das Baby ist da, was nun?“.

Sie wurden zur Lieblingslektüre für die nächsten zwei Wochen. Unserer und seiner. Und was soll ich sagen? Es wurde besser. Es wurde nicht nur besser, es wurde sogar Stück für Stück richtig gut.

Einmal Wutmonster und zurück

Und irgendwann, der „Große“ fühlte sich unbeobachtet, bekamen wir mit, wie er zu seinem Brüderchen sagte „Ich hab Dich sooo lieb!“.

War DAS schön! Weil, eine ehrlichere Liebeserklärung konnte es überhaupt nicht geben. Es gab nicht den Zwang, seinen Eltern etwas zu sagen, was sie gern gehört hätten. Nein, er tat das völlig unabhängig von uns. Mittlerweile müssen wir ihn schon immer mal ein wenig bremsen, wenn er sein Brüderchen allzu heftig knuddeln, oder ihm einen dicken Knutscher aufdrücken möchte.

Eine Reise von Engel über Wutmonster zu großem Bruder. Zu großartigem Bruder. Eine anstrengende Reise. Über blühende Wiesen, mit Schmetterlingen und Schäfchenwolken. Durch unwegsames Gelände. Über Gebirge mit Schnee und Eiseskälte. Immer wieder durch Schranken gestoppt, die es galt, aufzustoßen. Eine Reise, die sich lohnt. Die so wichtig ist, wie für manche das Abschreiten des Jakobsweges. Weil auf dieser Reise Grundlagen für das weitere Leben geschaffen werden. Denn in Abwandlung eines Zitats von Kafka ist es nunmal so, dass die Liebe zwischen Geschwistern die Wiederholung der Liebe zwischen den Eltern ist. Und, wie wir erfahren mussten, geht es umgekehrt auch an die Substanz der Eltern, wenn diese Liebe zwischen den Geschwistern eben nicht so recht wachsen will.

Und wenn man genau DAS mit elterlicher Geduld, Verständnis und Liebe hinbekommt, dann wächst somit auch die Familie umso fester zusammen.

 

12 Kommentare zu ““Ich will kein großer Bruder sein!” – Wenn aus Engeln Wutmonster werden

    1. bei uns war es tatsächlich dieses lesen! klingt wahrscheinlich irgendwie zu einfach. aber ich kann nur über das berichten, was bei uns auch tatsächlich passiert ist. danke für dein liebes kompliment 💙

  1. Mann Daddy.. Deine Texte laufen wie Softeis die Kehle runter, offen, ehrlich mit viel Liebe und auch Skepsis Euch selbst gegenüber. Voll reflektiert und warm für geschundene Elternseelen und die, die es noch werden wollen. Hab schönen Dank und hör nie auf damit..

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