Pflegekinder – Wenn Babys „fremde“ Liebe brauchen

There is an instinct in a woman to love most her own child, and an instinct to make any child who needs her love, her own.

– Robert Brault

 

Gastbeitrag von Vanessa

Wir sind eine Pflegefamilie. Und mit dem Wissen, dass es ab dem 1. September dieses Jahres, wirklich zu jeder Tages- oder auch Nachtzeit wieder losgehen könnte, schaue ich auf meine To-Do-Liste, die ich bis zu diesem einen Tag auf jeden Fall abgearbeitet haben möchte. Ich weiß zu gut, dass der Irrglaube, immer bestens vorbereitet zu sein, die Synapsen meines Verstandes ein ums andere Mal zum Rotieren gebracht hat.

„Mir fehlen immerhin neun Monate Schwangerschaft mit den üblichen Wochen des Nestbautriebes, in denen die werdende Mutter nochmal ordentlich Hausputz hält und alles auf Hochglanz wienert“, rede ich mir regelmäßig ein, um meinem Ehrgeiz der „perfekten“ Vorbereitung ein wenig Einhalt zu gebieten.

Denn dann, wenn wie erwartet völlig unerwartet das Telefon klingelt und das Jugendamt dir sagt:

„Es ist wieder so weit. Wir sind im Einsatz! Können wir gleich mit einem Säugling kommen?“

setzt bei mir, zumindest für eine Sekunde lang, alles, aber auch wirklich alles aus! Binnen einer einzigen Sekunde schaffen es diese Anrufe, meine komplette Gedankenwelt auf eine völlig andere Bahn zu lenken. Ab diesem Augenblick zählt nur noch eines: wir rücken als Familie ganz eng zusammen, um einem Pflegekind, einem kleinen Seelchen von Baby, ein sicheres Plätzchen in unserem behüteten Nest zu schaffen.

Bis dahin weiß ich weder wie alt das Baby ist, welches Geschlecht es hat, wie es heißt und geschweige denn, wie lange es bleiben wird. Aber all das spielt für mich auch keine große Rolle. Denn alles was ab diesem Augenblick zählt ist einzig und allein der Säugling, der meist nur Minuten nach dem Anruf bei uns eintrifft. Ihn gilt es jetzt „zu lesen“, zu spüren. „Was braucht dieses Baby gerade? Ein Fläschchen? Ruhe? Oder körperliche Nähe?“ Und jede Mutter weiß wohl, wie individuell auch schon die Kleinsten sind.

Ich versuche die formalen Dinge, wie Vollmachten, Unterschriften und Dokumentenübergaben immer so schnell wie nur möglich hinter mich zu bringen, um mich voll und ganz auf unser neues Familienmitglied konzentrieren zu können.

„Meine“ Babys wurden gerade erst von ihrer Mama getrennt. Sie haben wohl das Schlimmste erlebt, was in ihrem so kurzen Leben bislang passieren konnte.

Dass das Ganze zum Schutz dieser Babys geschah, können sie zu dem Zeitpunkt selbstverständlich nicht wissen. Sie können es schon gar nicht erfassen oder gar verstehen.

Wir können ihnen nicht erklären, dass wir es gut mit ihnen meinen. Können dem kleinen Menschenkind nicht versichern, dass wir Acht geben und es mit Leib und Seele schützen werden, so lange es bei uns ist. Und doch ist genau das immer Bestandteil der ersten Kontaktaufnahme zu „meinem“ Baby.

Ich stelle mich ihm vor, nehme achtsam sein Händchen in meine und erkläre ihm, dass ich es beschützen werde, als wäre es mein eigenes Fleisch und Blut. Dass ich ihm meine Stimme geben werde, so lange es mich braucht. Und, dass es uns erst wieder verlässt, wenn es einen sicheren Heimathafen ansteuern kann. Erst dann nehme ich es zum ersten Mal auf den Arm. Ganz sanft. Mit dem Wissen, dass ich für dieses Kind ein fremder Mensch bin. Aber ab diesem Moment wohl auch der wichtigste …

©ways2photography.com

 

„Was wäre wohl das Schlimmste für Sie?“ – wurde ich in der Vorbereitung zur Bereitschaftspflege gefragt – „Ein Baby, was nur schreit? Oder ein Baby, welches Sie gleich völlig zufrieden annimmt?“

Auf den ersten Blick, eine völlig simple Frage und ich habe impulsiv „natürlich das ruhige Baby“ geantwortet. Zu sehr waren die vielen, vielen schlaflosen Nächte mit meiner leiblichen Tochter noch präsent.

Heute würde ich eine andere Antwort geben. Heute weiß ich, ein schreiendes Baby spürt noch den Lebenswillen in sich! Es hat noch die Energie und die Kraft lauthals nach dem zu fordern, was es gerade braucht. Sei es Nahrung, eine saubere Windel oder einfach die Nähe zu einer Bezugsperson.

Unser allererstes Bereitschaftsbaby spürte all dies nicht mehr. Es hatte keine Kraft mehr und vielleicht schon „verlernt“ zu kämpfen.

Den Kampf, dieses Baby zu uns zurückzuholen, ihm die Sicherheit zu geben, dass es bekommt, was es fordert und so dringend braucht, werde ich nie vergessen.

Es hat mich zutiefst berührt und auf eine ganz besondere Art sensibilisiert, genau hinzuschauen. Dieses Baby hat in mir die Leidenschaft für die Bereitschaftspflege für Säuglinge geweckt. Und dieses Baby war gleichzeitig der Grund, warum ich für zwei Jahre pausierte. Weil es blieb. Beziehungsweise zu uns zurückkam. Es nach vier Wochen Aufenthalt bei uns für mehrere Wochen zurückgeführt wurde. Zu seiner leiblichen Mutter in eine Einrichtung, speziell für Mütter mit ihren Kindern.

Ganze zermürbende sieben Wochen später kam der erneute Anruf, dass dieses Baby, wenn wir bereit wären, zu uns zurückkommen würde. Wir waren! Und sind es bis heute…

 

Drei weitere Kinder zogen in den kommenden Jahren – mal mehr, mal weniger geplant – bei uns ein.

Als bislang letztes ein kleines Babymädchen, zarte drei Wochen jung. Sie blieb ganze neun Monate bevor ich sie, nach einer hoch emotionalen Anbahnung und vielen, vielen Wochen der Eingewöhnung in ihre heutige, so liebevolle Pflegefamilie begleitet habe. Ich bin so glücklich, dass diese Familie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Dass wir heute noch regelmäßigen Kontakt haben und wir im Leben dieser „kleinen Raupe“ immer eine wichtige Rolle spielen werden.

Knapp ein Jahr ist der Umzug der Kleinen nun her und alles in mir verlangte eine Pause.

Ich wollte für mich und auch für meine Familie Zeit und Raum schaffen, diesen so besonderen Abschied zu verarbeiten. Wollte 365 Tage lang ausschließlich die Mutter der Kinder sein, die ich selbst unter meinem Herzen trug und dieser einen Tochter, die in mein Herz geboren wurde. Ich wollte voll und ganz und ausschließlich für ihre Bedürfnisse bereit stehen. Um schon nach wenigen Monaten vom Gefühl überwältigt zu werden, dass uns etwas fehlt. Und zwar uns allen!

Wir leben die Bereitschaftspflege als Familie. Wir alle tragen die Kinder durch diese so wichtige Zeit und entlassen sie mit einem Rucksack voller Liebe, wohin ihre Reise sie auch führen mag.

Dieses Gefühl, dass die Pflegekinder während ihrer Zeit bei uns wohl all das bekommen, was für einen Säugling so selbstverständlich sein sollte, erfüllt mich mit einer tiefsten Zufriedenheit. Die ich in dieser Form noch nie zuvor gespürt habe. Bevor ich eben diese Aufgabe, als einen meiner bedeutenden Lebensinhalte, übernahm. Und genau die lässt mich demütig und voller Achtung der nächsten, immer wieder neuen Herausforderung entgegenblicken.

Ich hoffe so sehr, ganz viele Menschen da draußen zu erreichen, die sich vorstellen können, einem Herzenskind ein Zuhause zu geben. ♥

In allen Teilen Deutschlands werden händeringend Pflegefamilien gesucht.

Sei es für die Bereitschaftspflege, aber auch für Dauerpflege. Wer sich ganz ernsthaft vorstellen kann, Pflegefamilie zu werden, kann sich jederzeit an sein zuständiges Jugendamt wenden und bekommt dort alle Informationen, die man zur Vorbereitung benötigt.

Weiterhin kann man auch nach Pflegefamilien-Vereinen in der Nähe googeln.


Die Autorin Vanessa berichtet auf ihrer Webseite Herzenskinderliebe über ihr Leben mit Pflegekindern. Und sie freut sich sehr über einen Besuch auf ihrer Webseite bzw. ihrem Instagram-Account. Und natürlich steht sie dort sehr gern für eure Fragen zur Verfügung.

 

 

13 Kommentare zu “Pflegekinder – Wenn Babys „fremde“ Liebe brauchen

  1. Wow!!!
    Ich selbst habe über 10 Jahre in einer ErziehungspflegeFamilie gelebt. Kontakt zu meiner Mama hatte ich regelmäßig und bin in meinem Jugendlichen Leichtsinn wieder hingezogen, vom „wegzug“ bis heute sind nun auch schon 12 Jahre vergangen. Mit meiner Pflegemama halte ich ständigen Kontakt!

    Solche Familien, die sich anderer Kinder annehmen & sie groß ziehen sind einfach goldwert!! Meinen vollsten Respekt!

  2. Wahnsinn ❤️ meinen allergrößten Respekt! Es ist sehr beeindruckend was ihr da macht! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwierig es sein muss, die Kinder danach wieder gehen zu lassen. Wahrscheinlich bricht es euch das Herz. Trotzdem macht ihr weiter und seid für den nächsten kleinen Menschen da.
    Ich hab grad echt Tränen in den Augen
    Macht weiter so!

  3. bin durch zufallen hier gelandet & sehr gerührt. Ich persönlich bin eines dieser Kinder die bei einer anderen Familie aufgewachsen sind & es hört sich so unglaublich schön an die andere Seite zu hören. Meine Pflegeeltern damals & auch heute noch , sind mein größtes Geschenk , denn ohne sie wäre ich nicht mehr hier. Ein Danke an alle Mamas und Papas die ein fremdes Kind genauso lieben wie ihr eigenes ❤️

  4. Oh ich kann das so gut nachvollziehen. Auch wir sind in Wartestellung für ein Kind was für eine unbestimmte Zeit ein sicheres Nest braucht.

  5. Ihr seid wundervoll und was ihr da leistet, macht unglaublich Mut. Weckt einen Glauben in die Menschen. Meinen aller aller aller größten Respekt

  6. Finde keine worte, die familie ist so toll und ich habe grössten respekt an euch wie ihr das macht. Denn ich denke es ist für euch nicht immer einfach die kinder wieder abzugeben sie wachsen einem ja schnell ans herz. Danke das ihr das macht ♡

  7. Vielen Dank für diesen unglaublich tollen Bericht. Ich werde ihn an Freunde und Familie zum lesen weiterschicken. Wir sind Pflegeeltern in den USA und es ist oft schwer für andere zu verstehen warum wir diesen Weg gehen und wie wir es schaffen die Kinder wieder gehen zu lassen. Wir haben im Moment ein 15 Monate altes Mädchen die in den nächsten paar Monaten zur Mutter zurückgeht. Auch wir werden danach erstmal Pause machen. Für uns als Familie, aber auch um dazusein sollte sie zurückkommen. Der Beitrag ist so einfühlsam geschrieben, ich hoffe er nimmt vielen Familien die Angst davor diesen Schritt zu gehen. Wir haben es keine Sekunde bereut.

  8. Ich kann mir sehr wohl vorstellen eine Pflegefamilie zu sein. Doch ich glaube wir würden nicht genommen werden. Mein 3hat Wechselschicht. Meine Jungs sind beide groß. Und uns würde ein Kinderzimmer fehlen. Ich wäre hauptsächlich auf mich allein gestellt, was ich nicht als Problem ansehe, denn meine Jungs habe ich ja auch groß bekommen. Wo ich mir nicht sicher wäre ist dass ich nicht weiß ob ich älteren Kindern, die das schon verstehen gerecht werden könnte. Wie erklärt man ihnen so etwas? Meine Nicht ist knapp 3. Sie ist gerne hier und liebt mich , aber trotzdem kommt immer die Frage nach Mama. Klar auch ein Baby merkt dass man nicht die Mutter ist, aber es hat ganz andere Bedürfnisse. Und ich kann ja schlecht sagen dass ich aber bitte nur Säuglinge nehmen möchte…Haus und Garten..Alles wäre da. Nur das eigene Zimmer leider nicht…

    1. Geh doch mal zu einem Infoabend deines Jugendamtes. Haben wir jetzt auch gemacht. Ich hätte ähnliche Gedanken und Zweifel. Und nun starten wir im Oktober mit der Schulung zur FBB. Nur Mut

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