Vom Wohnen mit schwerem Gepäck zum Reisen mit leichtem Gepäck

Larissa ist Hebamme. Mit ihrem Mann Oliver und ihren drei Kindern ist sie seit Sommer 2015 auf Weltreise. Ein Ende ist nicht geplant. Um gemeinsam Zeit als Familie verbringen zu können, haben sie ihr Leben komplett umgekrempelt. Jetzt arbeiten sie ortsunabhängig von den schönsten Plätzen der Welt. Sie genießen uneingeschränkt die Zeit mit ihren Kindern und verbringen jeden Winter in den Tropen.

 

Die geöffnete Kokosnuss, die meine jüngste Tochter heute Morgen genüsslich ausgeschlürft hat, liegt wenige Meter neben mir.

Ich sitze ohne mit der Wimper zu zucken am Tisch auf unserer Terrasse, um den kleinen Kokosdieb nicht zu verschrecken, der hoch oben auf der Palme sitzend, auf den richtigen Moment wartet. Als ich gerade den Entschluss gefasst habe doch aufzustehen, hechtet sich der Affe vom Baum, sprintet auf allen Vieren in meine Richtung, umfasst die Kokosnuss wie einen Medizinball und schwankt auf den Hinterbeinen laufend davon. Wenige Sekunden später ist er mit seiner Beute im Dschungel verschwunden.

Ich stehe auf, hole mir ein Wasserglas und kehre zurück an meinen Laptop. Unser Bungalow auf der Insel Koh Phangan im thailändischen Golf liegt etwas erhöht am Berg. Die warme Nachmittagssonne scheint und wenn ich aufblicke, sehe ich das glitzernde Meer und die Palmen, die sich leicht im Wind wiegen. Hoch oben im Himmel ziehen die Weißkopf-Seeadler majestätisch ihre Kreise. Aus dem nahe liegenden Dschungel dringt das Zirpen der Grillen und ein diffuser Chor exotischer Vogelstimmen.

Hinter mir ist es ungewohnt still, denn mein Mann Oliver ist mit unseren drei gemeinsamen Kindern Giulio (7), Susanna (4) und Katharina (1) am Strand, damit ich in Ruhe arbeiten kann.

Noch drei Minuten und ich eröffne eine Online-Konferenzschaltung für die Schwangeren, die an meinem heutigen Geburtsvorbereitungskurs teilnehmen. Ich schließe kurz die Augen. Lasse mich vom gewohnten Glücksgefühl durchströmen, das unser Lebensmodell als digitale Nomadenfamilie mit sich bringt. Rücke noch schnell den Sonnenschirm zurecht und klappe den Laptop auf …


1991 war ich fünf Jahre alt. Die große Schwester meiner besten Freundin hatte sich gerade entschieden, nach ihrem Schulabschluss Hebamme zu werden. Das war das erste Mal, dass ich von diesem Beruf gehört hatte. Ich war sofort völlig fasziniert vom damals noch so wenig greifbaren Thema Geburt.

Mein Interesse an der Hebammentätigkeit ließ nicht nach und nachdem ich mit 17 ein Praktikum im Kreißsaal absolviert hatte, stand mein Berufswunsch endgültig fest. Drei Jahre später, nach meinem Abitur und einem Jahr als AuPair in Paris, begann ich die dreijährige Ausbildung in Süddeutschland.

In dieser Zeit lernte ich auch Oliver kennen, meinen absoluten Traummann. Mit ihm teile ich seit mittlerweile über 10 Jahren alle Höhen und Tiefen unseres turbulenten Familienlebens. Oli war damals noch begeisterter Motorradfahrer, der Chef an jedem Grill, genießerischer Raucher und geübter Trinker auf allen Partys. Wir hatten eine spannende Zeit, feierten die Nächte durch, verbrachten entspannte Sonnentank-Urlaube auf Sardinien, entdeckten das Joggen als gemeinsames Hobby für uns und investierten viel Zeit in unsere Jobs.

Als fertig ausgebildete Hebamme zog ich mit Oli zurück in unseren früheren Wohnort. Kurz vor der Geburt unseres Sohnes hörte er endgültig auf zu rauchen und mit der Geburt unserer ersten Tochter kam schließlich auch das lang ersehnte Traumhaus. Wir renovierten und zogen um, als Susanna gerade fünf Wochen alt war.

Doch das Glück in den eigenen vier Wänden mit umfangreichem Hausstand vom Keller bis zum Dachboden wollte sich nicht einstellen.

Olis zeitintensiver Beruf als Techniker und das abendliche Arbeiten auf unserer Baustelle beschnitten die ohnehin knappe Familienzeit erheblich. Ich fühlte mich mit der Verantwortung für die Kinder zunehmend alleingelassen. Der große Haushalt mit allen Pflichten und mein innerer Anspruch alles mühelos auf die Reihe zu bringen, taten ihr Übriges. Unversehens waren wir in eine existenzielle Ehekrise geschlittert, die heftig an unseren Grundfesten rüttelte. Es folgten Monate der Überforderung, viele Tränen, Frust und Wut. Schließlich standen wir vor der alles entscheidenden Frage: trennen wir uns oder wagen wir den absoluten Neuanfang?

Wir entschieden uns für den Reset-Knopf, um endlich gemeinsam Eltern für unsere Kinder sein zu können. Oli kündigte seinen Job und wir bereiteten uns Anfang 2015 akribisch darauf vor, einen Online-Kongress zu veranstalten, der den Grundstein für unseren neuen Lebensunterhalt legen sollte.

Durch unsere nahezu zeitgleiche Ernährungsumstellung auf vegan aus zunächst gesundheitlichen Gründen, nahm Oli innerhalb weniger Wochen 30 kg ab.

Mit dem Schwung der neuen Energie schrieben wir unser Haus zum Verkauf aus, verschenkten und verkauften den Großteil unseres Besitzes und entschieden uns schließlich in einer Blitzaktion für ein großes Wohnmobil, um damit unbefristet reisen zu können und somit Olis Kindheitstraum zu erfüllen.

Diese Monate des Umbruchs waren eine logistische und hoch emotionale Herausforderung. Ich war frühschwanger mit unserem dritten Kind. Fühlte mich oft müde, schlapp und mit der nicht enden wollenden To-do-Liste überfordert.

Doch irgendwann war endlich der Tag gekommen und wir schlossen im Juli 2015 zum letzten Mal die Tür unseres früheren Hauses hinter uns, um direkt in unser neues, fahrendes Zuhause zu steigen.

Sardinien gab uns den Boden unter den Füßen zurück.

Endlich konnten wir uns erholen, die Schwangerschaft genießen und in Ruhe an unserem neuen Lebenskonzept basteln. Oli lernte, nicht nur abends und am Sonntag Papa zu sein. Wir erlebten eine nie gekannte Verbundenheit als Familie.

Als der Winter näher rückte, entschieden wir uns in einer weiteren spontanen Bauchgefühl-Aktion dazu, doch nicht durch Südeuropa zu touren, wie ursprünglich geplant. Vielmehr wollten wir in die Tropen fliegen und das Wohnmobil für mehrere Monate in der Nähe des Frankfurter Flughafens abstellen.

Ich war mittlerweile in der 24. Woche schwanger, fühlte mich rundum wohl und hatte keinerlei körperliche Beschwerden. Was mir allerdings noch sehr zu schaffen machte, war das Unverständnis gegenüber unseren Entscheidungen. Mit dem sahen wir uns innerhalb unseres persönlichen Umfelds aber auch durch unsere öffentliche Präsenz täglich konfrontiert.

Doch der Flug nach Thailand Ende November sollte sich als Quantensprung in unserer Entwicklung herausstellen.

Denn auf der paradiesischen Insel Koh Phangan, fernab aller Ängste, die oft auch unabsichtlich von außen an uns herangetragen wurden, fanden wir endlich zu uns selbst. Wir genossen die Unabhängigkeit, die wir uns in den letzten Monaten erarbeitet hatten. Wir spürten nun tatsächlich die grenzenlose Freiheit, von der wir geträumt hatten.

Die Wochen flogen nur so vorbei und wir gaben den Gedanken weiter zu reisen schnell auf. Mittlerweile waren uns mehrere deutschsprachige Familien auf die Insel gefolgt und wir genossen eine wundervolle Gemeinschafts-Zeit in einem weitläufigen Resort direkt am Strand.


Diese dritte Schwangerschaft war auch die Erste, die Oli wirklich miterleben konnte. Als ich schließlich kurz vor dem Geburtstermin stand, hatte ich das Gefühl, dass er sich mit unserem kleinen Baby fast genauso verbunden fühlte, wie ich.

Olis stationären Aufenthalt aufgrund einer Lungenentzündung wartete unsere kleinste Tochter noch ab, bevor sie sich am vierten Tag über Termin auf den Weg zu uns machte.

In einer kleinen, geschützten Bucht schwamm sie in einer Alleingeburt im Meer im Beisein ihrer Geschwister direkt in unsere Arme.

 

Seitdem sind wir als fünfköpfige Familie weiterhin auf Open-End-Weltreise. Wir waren in Italien, Frankreich, Spanien, Österreich, der Schweiz, Dänemark, Schweden und Malaysia. Dieses Jahr kommen mindestens Norwegen, Polen, Holland, Belgien und Portugal dazu. Länder, die wir mit unseren Freunden Katrin und Stefan und deren drei Kindern bereisen werden, die mit unseren Kindern ebenso eng befreundet sind, wie wir mit ihnen.

Die kleine Insel Koh Phangan hat uns nicht mehr losgelassen und so verbringen wir hier nun schon den dritten Winter. Wie im letzten Jahr hatten wir über unsere Social-Media-Plattformen zu einem Familien-Camp eingeladen, um erneut mit rund 80 Erwachsenen und 100 Kindern drei sonnige Monate voller gegenseitiger Inspiration in Gemeinschaft zu verbringen. Unser großer Tisch ist meistens mit Papierfliegern, Lego und Stiften blockiert und wird großflächig von einer Horde Kinder umringt. Der Pool ist wie eine Art externes Zimmer, in dem Susanna schon mit drei Jahren zuerst tauchen und dann schwimmen gelernt hat. Ganz einfach, weil sie von morgens bis abends darin herumplantscht.


Unsere Kinder lernen frei und haben bisher keine Betreuungseinrichtung besucht. Da wir alle aus Deutschland abgemeldet sind, bekommen wir keine Unterstützungsgelder. Wir unterliegen aber auch nicht der Schulpflicht. Oli und ich sind keine Schulgegner und haben uns lange für alternative Lernumgebungen wie Waldorf, Montessori oder freie demokratische Schulen interessiert. Das hat sich nicht geändert, aber bisher fühlt sich Giulio mit dem Konzept des freien Lernen so wohl. Er will bis auf Weiteres keine Schule besuchen. Und wir werden ihn und seine Schwestern auch weiterhin in ihren Talenten und Fähigkeiten unterstützen und begleiten.

Das Schöne an unserem Reise-Alltag ist, dass wir unseren Arbeitsplatz immer dabei haben.

Ich als Hebamme und Oli als Berater für Online-Startups. Denn auch wenn wir unser Leben mittlerweile hauptsächlich an traumhaften Orten verbringen, sind wir nicht im Urlaub. Oli und ich arbeiten nicht selten zehn Stunden am Tag und müssen uns ständig selbst strukturieren und organisieren. Aber der Riesen-Vorteil ist, dass wir ortsunabhängig sind und uns als Eltern dynamisch aufteilen können. Je nach den Bedürfnissen der Kinder und den jeweiligen Tageszielen. Wenn wir tagsüber viel Zeit als Familie verbringen wollen oder Katharina mich besonders braucht, können wir spät abends arbeiten, um unser Pensum zu erfüllen.

Nach insgesamt 18 Monaten im 9m-Wohnmobil auf 15 qm Wohnfläche haben wir uns vor Antritt der diesjährigen Tropen-Reise von unserem treuen „Neptun“ getrennt, um Raum für neue Ideen zu schaffen.

Sobald wir Ende März zurück nach Deutschland fliegen, werden wir uns ein größeres Auto kaufen, Olis altes Zelt für alle Fälle einpacken und uns damit auf den Weg machen.

Giulio und Susanna können es genau wie wir kaum erwarten, ab Mai als 10-köpfige Großfamilie durch Europa zu reisen, neue Häuser zu erkunden, auf idyllischen Wegen Rad zu fahren und eine tolle Zeit mit Freunden zu verbringen.

Seit wir unterwegs sind, hat sich unser Leben vollkommen verändert – vom Wohnen mit schwerem Gepäck zum Reisen mit leichtem Gepäck.

Und auch wenn wir neben den höheren Höhen tiefere Tiefen durchschreiten, würden wir niemals tauschen wollen, denn unser gemeinsames Familienleben ist für uns einfach unbezahlbar. Der erste Schritt ist immer der Schwerste aber er lohnt sich!

Folgt uns gerne auf unserer Reise unter www.diehorlachers.com oder besucht uns doch auf Instagram.

 

 

8 Kommentare zu “Vom Wohnen mit schwerem Gepäck zum Reisen mit leichtem Gepäck

  1. hallo,

    zuerst einmal super seite 😉
    weiters wollte ich euch fragen wie euer kinder geimpft sind? wir sind diesen winter für 6 monate in indien mit unseren 1,5 und 4,5 jährigen kindern und da würde es mich freuen erfahrungen auszutauschen?!

    danke lg stefanie

  2. Endlich konnte ich erst heut zu Ende lesen. Interessante Bericht, Danke Larissa! Das war auch mal mein Traum, Reisebloggerin zu sein. Leider hat es sich anders ergeben. Das Leben ist einfach kurz. Genieß es schön weiter! Viele Grüße aus Düsseldorf 🙂

  3. Wunderbarer Blog, wunderbares Paar. Eure Kinder sind in ein Paradies geboren worden – und damit meine ich Euch als Eltern! So etwas funktioniert leider nur, wenn beide Fernweh haben! Mein Mann musste als Kind (mit 14) schon einmal seine Heimat aufgeben und ist deshalb nicht mehr aus Berlin wegzubringen – somit muss ich mich mit kleinen Fluchten begnügen – aber in Thailand waren wir auch schon oft mit den Kindern – einfach paradiesisch! Viel Spaß und Energie weiterhin

  4. Liebe Larissa… Ich verfolge euch schon eine ganz Weile und freue mich euch begleiten zu dürfen…

    Ich finde es super spannend was ihr macht…

    Macht weiter so!

    Über die Storys & Beiträge zusammen mit der anderen Familie freue ich mich sehr

    In Liebe
    Sandra😘😘😘

    @daddycool… Toller Blog! 🤗

  5. Wow! Um so einen Schritt zu gehen, braucht man eine gehörige Portion Mut und ich bewundere Euch genau dafür! Wenn man mit den richtigen Menschen umgeben ist, kann man überall glücklich sein und gerade das „Reisen mit leichtem“ Gepäck stelle ich mir sehr befreiend vor! Man (da kann ich mich leider nicht von ausnehmen) hängt doch leider viel zu sehr an Dingen, die man im Grunde nur hat, um sie haben oder weil man mit ihnen etwas verbindet. Doch für all die schönen Erinnerungen in seinem Kopf braucht man nicht alles aufzubewahren und zum Glücklichsein reicht es eigentlich, sich abends an die Schulter seines Liebsten zu lehnen und den Tag nocheinmal Revue passieren zu lassen und alles fest abzuspeichern! LG aus dem kalten Norden 🙋🏼‍♀️

    1. Ja, so fühlt es sich auch an. Wobei ich schöne Dinge auch sehr gerne mag und die letzten verbliebenen immer wieder gerne aus der Kiste packe. Allerdings haben sich die Prioritäten sehr verschoben und eigentlich bin ich sehr erleichtert, nicht mehr ständig bei Tchibo, Amazon und Co. bestellen zu „müssen“… 😀
      Herzliche Grüße
      Larissa

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